Produkt eines “Verlagerungsbetriebes”: Das JUNGMANN-Radio aus dem Filstal

Mitte November erschien im Magazin Heimatgeschichten der Neuen Württembergischen Zeitung (NWZ) ein Aufruf-Artikel zum Projekt Route der Industriekultur im Filstal mit dem Titel „Zeitzeugen gesucht“.

Über dem Aufruf war symbolisch das Foto eines historischen Radios abgebildet. Darauf hin meldete sich Herr Alfio Jungmann bei der Redaktion,  denn bei dem im Artikel abgebildeten Radio handelt es sich um ein Radio der Firma Jungmann. Herr Jungmann lebt heute in Hamburg und hatte über Freunde aus Göppingen den  Artikel erhalten. Auf den Hinweis der NWZ hin  nahmen wir telefonisch Kontakt zu Herrn Jungmann auf. In einem kurzen Gespräch erläuterte Herr Jungmann die Hintergründe seiner Rückmeldung und verwies gleich zu Beginn auf die mehrbändige Veröffentlichung von Günther F. Abele (1996): Historische Radios. Eine Chronik in Wort und Bild. Band 1. Füsslin Verlag, Stuttgart.  Der Radioexperte hatte Herrn Jungmann bereits Mitte der 1990-er im Rahmen der Chronik zu dessen Firmengeschichte interviewt. Die folgende Geschichte bezieht sich auf die Aussagen von Herrn Jungmann im Telefongespräch sowie auf die Veröffentlichung von Abele (1996):

Das im Artikel abgebildete Radio habe sein Vater gebaut, so Herr Jungmann im Gespräch, und er selbst hat in seiner Jungend für einige Jahre im Filstal gelebt. Dahinter verbirgt sich eine Geschichte, die exemplarisch für etliche Unternehmen steht, die wegen Kriegsschäden ihre Produktion verlagern mussten, sogenannte „Flüchtlingsunternehmen“. Als kleineres Unternehmen nahm somit auch das Elektrogeschäft Alfio Jungmann für  8 Jahre die Arbeit auf im Filstal auf. Das Vertriebsunternehmen wurde ursprünglich 1935 in Hamburg von Herr Jungmanns Vater (Alfio Jungmann sen.) gegründet .  Neben dem Vertrieb von Elektrogeräten wurden seit 1938  auch Radios produziert  (Abele 1996: 111).  Durch einen Luftangriff auf Hamburg 1943 war die Firma schwer kriegsbeschädigt und die Produktionsräume zerstört.  Infolge dessen wurde der Standort von Amtswegen  nach Süddeutschland ins Filstal verlagert. Die Familie Jungmann lebte dann von 1943- 1951 in Salach. Die Produktionsstätte der Firma befand sich während dieser Zeit in Eislingen. Herr Jungmann hat die Entwicklung der Firma nur indirekt miterlebt, da er zum Zeitpunkt der Verlagerung noch Schüler war. Die wirtschaftliche Lage in Deutschland zum Kriegsende war schlecht und das Unternehmen konnte sich mit ca. 100 Mitarbeitern mit Mühe und Not über Wasser halten. Anfangs reparierte man in erste Linie Radios der amerikanischen Besatzer; Mess- und Prüfgeräte wurden ergänzend hergestellt. (Abele 1996: ebd.).

Mit der Währungsreform gab es dann wieder wirtschaftlichen Aufschwung im Fistal: Von 1948 bis 1950 konstruierte und fertigte die Firma Jungmann auch Radios in Eislingen, darunter auch 15 Universum-Modelle (Abele 1996: ebd.).  1951 musste der Standort in Eislingen aufgegeben werden, da das relativ kleine Unternehmen sich nicht dauerhaft gegen die großen Radio-Hersteller durchsetzen konnte. Die Familie Jungmann ging dann  nach Hamburg zurück, wo der Vater sich wieder voll und ganz auf das Vertriebsunternehmen konzentrierte. Nach dem Tod des Vaters führte Herr Jungmann das Unternehmen in Hamburg bis 1991 fort.

An die Zeit im Filstal könne er sich noch gut erinnern, so Herr Jungmann im Gespräch, noch heute verbinden ihn freundschaftliche Kontakte mit dieser Zeit, die auch von großer Bedeutung in der Firmengeschichte war.

Quelle: Günther F. Abele (1996): Historische Radios. Eine Chronik in Wort und Bild. Band 1. Füsslin Verlag, Stuttgart.