Göppinger Propeller im Ersten Weltkrieg – die „Germania Luftschraube“ der „Ersten Süddeutschen Propellerwerke“

Mitte November erschien im Magazin Heimatgeschichten der Neuen Württembergischen Zeitung (NWZ) ein Aufruf-Artikel zum Projekt Route der Industriekultur im Filstal mit dem Titel „Zeitzeugen gesucht“. Über dem Aufruf war symbolisch das Foto eines historischen Radios abgebildet.

Völlig überrascht waren der Autor und sein Kollege Thilo Keierleber als sie bei den Nachforschungen des Göppinger Sägewerkes und Holzgroßhändlers Johann Weber, welches im Jahr 2005 insolvent und aufgelöst wurde, auf Unterlagen stießen aus denen hervorging, dass in Göppingen während des Ersten Weltkrieges eine Propellerfabrik existierte!

Wie kam es dazu? Wer die spannende Geschichte der Zeppeline kennt weiß, dass aufgrund des Zeppelinbaues, beginnend Anfang des 20. Jahrhunderts, die Industrialisierung von Friedrichshafen am Bodensee begann. Da in dieser Zeit bereits die Aufrüstung des damaligen Deutschen Reiches begann, interessierte sich auch das Militär für die Zeppeline und deren militärischen Einsatzes. Da Anfangs die Zeppelin-Luftschiffe in Friedrichhafen gebaut wurden, sind mangels einer damaligen „Zulieferindustrie“ die Firmen im bereits industrialisierten Altwürttemberg, also an der Achse Heilbronn – Stuttgart – Göppingen –Ulm, von den Zeppelinwerken angeschrieben worden. Die Zeppelinwerke benötigten dringend Zulieferteile für den Bau der Luftschiffe.

Nebenbei bemerkt, wurden die heutigen Weltkonzerne MTU (später Tognum, heute Rolls-Roys Power Systems AG) und die Zahnradfabrik Friedrichshafen (ZF) aufgrund des Zeppelinbaues gegründet, um geeignete Motoren, Zahnräder und Getriebe zu liefern.

Beim Thema „Propeller“ fühlte sich das damals bedeutende Sägewerk Johann Weber in Göppingen angesprochen. Diese wollten natürlich ebenfalls an der Rüstung im Ersten Weltkrieg profitieren. Da während des Krieges die Rohmaterialen kontingentiert wurden, waren Firmen im Vorteil, welche bereits Rohmaterialen besaßen.

Der damalige Besitzer des Sägewerks Carl Weber bewarb sich um Aufträge für den Propellerbau mit dem Argument, genügend Holzvorräte für die Fertigung zu haben und gründete im Jahr 1916 die „Erste Süddeutsche Propellerwerke“ in Göppingen.

Interessant ist, dass diese natürlich keinerlei Kenntnisse dafür besaßen und bereits im Gründungsjahr fremde Hilfe annehmen mussten. Deshalb wurde mit den Vollmerwerken in Biberach (Riss) ein Partner gefunden. Die Vollmerwerke fertigten sogenannte Mündungsschoner für Gewehre aus „Schichtholz“, ebenso die Werkzeuge dafür.

Schichtholz besteht aus zusammengeleimten dünnen Holzschichten bestehend aus dem Tropenholz Mahagoni und Nussbaum. Schichtholz hat gute Biegungseigenschaften und eine große Flexibilität.

Aufgrund dieses nicht alltäglichen Betriebes einschließlich seiner Produkte hat der Autor im Zeppelinarchiv in Friedrichshafen nachgeforscht und festgestellt, dass die verschiedenen Göppinger Propeller, welche mit dem Markennamen „Germania Luftschraube“ versehen waren, sowohl für Flugzeuge wie auch für die Luftschiffe gefertigt wurden. Die Durchmesser der Propeller lagen bei etwa 1 bis 2 Meter für Flugzeuge und etwa 4 bis zu 6 Meter für Luftschiffe.

Bei den Recherchen im Zeppelinarchiv wurde ermittelt, das das Luftschiff LZ 94 mit Göppinger Propeller versehen war, obwohl die Quellenlage zum Thema Propeller äußerst dürftig war. Das LZ 94 war ein Marine-Luftschiff (Marinebezeichnung L 46) und wurde im Jahr 1917 in Dienst gestellt. Es war ein Luftschiff für Aufklärungsfahrten wie auch für Luftangriffe auf England. Im Januar 1918 verbrannte es bei einer Explosion im Militär-Luftschiffhafen in Ahlhorn bei Oldenburg.
Die Göppinger Propellerwerke befanden sich im Gaiser´ schen Fabrikgebäude, welches bereits in einem eigenen Artikel vorgestellt wurde. Nach dem verlorenen Krieg wurde die Fertigung von Flugzeugen verboten. Aus den Propellerwerken wurde eine Möbelfabrik, welche u.a. aus nicht mehr ausgelieferten Propellern Füße für Tische und Stühle fertigte. Diese Möbelstücke konnten für wenige Jahre als eine Art „Neue Stilrichtung“ verkauft werden. Allerdings wurde die Möbelfabrik Anfang der zwanziger Jahre wieder aufgelöst.

Ein besonderer Leckerbissen des Göppinger Propellerbaues wurde durch Zufall entdeckt:

In einer Privatsammlung existiert ein sogenannter Jaray-Propeller. Dieser ist eine Weiterentwicklung des Zeppelinpropellers. Diese waren relativ lang, wobei die eigentlichen Flügel erst zur Spitze hin ausgeformt waren. Somit war die Leistung im Verhältnis zu Länge gering. Der österreichische Ingenieur Paul Jaray (1889 – 1974), der ein Spezialist für Aerodynamik war, entwickelte als Konstrukteur bei den Zeppelinwerken Propeller, bei denen die Flügel direkt an der Nabe begannen.

Diese waren deutlich kürzer und konnten bei gleicher Drehzahl eine höhere Leistung erzeugen. Eine sogenannte Werkstattarbeit, heute Prototyp genannt, gefertigt in der Göppinger Propellerfabrik ist in dieser Sammlung vorhanden.

Die Geschichte einer nur für kurze Zeit existierenden Fabrik und ihrer doch unbekannten Produkte zeigt, welche Vielfältigkeit in der Industriegeschichte es Filstales schlummert.

Peter Blum, Göppingen

alle nichtbezeichneten Fotos: Peter Blum