Der Nylonstrumpf und die Sachsen-Invasion in Göppingen

Seit meinem Eintritt als Lehrling vor fast 60 Jahren bei der Fa. Boehringer in Göppingen bin ich mit dieser Firma als ehemaliger Konstrukteur und Vertriebsleiter eng verbunden. Vor diesem Hintergrund möchte ich von einem Produkt aus der für die Firma nicht einfachen Nachkriegszeit erzählen.

Im Jahr 1942 wurde in Amerika das Nylon erfunden. Dies war eine kriegswichtige Erfindung. Konnte man mit diesem Material doch sehr leistungsfähige Fallschirme herstellen. Diese Faser eignete sich aber auch sehr gut zur Herstellung von Damenstrümpfen. Die deutsche IG Farben hat diese Faser nachempfunden und als Perlon auf den Markt gebracht. Die deutschen Frauen hatten aber das Nachsehen. Wegen der Wichtigkeit und dem Mangel an Rohstoffen in Deutschland wurde die gesamte Produktion dieser Faser zur Herstellung von Fallschirmen verwendet.

Nach Kriegsende hat dann die in der Nähe von Chemnitz angesiedelte Maschinenfabrik Einsiedel damit begonnen, seine zur Herstellung von Feinstrümpfen geeigneten Cottonmaschinen so weiterzuentwickeln, dass darauf auch Nylonstrümpfe hergestellt werden konnten. Als aber dann die Russen in Chemnitz einzogen, hat sich der größte Teil dieser Firma nach dem Westen aufgemacht, da man sich von der Glenn-Miller-Welt des Westens mehr versprach als von den bärbautzigen Russen.

Andererseits suchte die Fa. BOEHRINGER händeringend nach neuen Produkten, welche von der amerikanischen Militärregierung zur Produktion freigegeben werden konnten. Werkzeugmaschinen durften nämlich nach Kriegsende in Deutschland nicht mehr produziert werden, auch drohte eine Demontage der gesamten Werksanlagen. So kamen die wackeren Sachsen nach Göppingen. Flugs wurde das Produkt bei BOEHRINGER auf die in Göppingen vorliegenden Produktionsbedingungen umgestellt und alsbald auf den Markt gebracht.

Im Laufe der Zeit zogen immer mehr der Mitarbeiter dieser sächsischen Firma nach Göppingen. Bei BOEHRINGER war somit der gesamte Cottonmaschinenbau angefangen vom Vertrieb über die Konstruktion bis hin zur Montage und dem Service komplett in sächsischer Hand. Auch wurde zur Produktion dieser Maschinen bei BOEHRINGER eine eigene Montagehalle gebaut. Diese Halle trägt heute noch die Bezeichnung „Cottonhalle“.

So entstand bei BOEHRINGER mitten im „Schwabenländle“ eine ganz eigenständige Sachsen- Kultur. Sächsischer Dialekt war an jeder Ecke bei BOEHRINGER zu hören. Firmen wie Scheller Textilmaschinen in Eislingen und Saxonia an der Holzheimer Straße in Göppingen sind zudem Ausgründungen von dieser Zeit.

Das Geschäft war epochal. Alle Frauen wollten unbedingt den Nylonstrumpf haben; die Cottonmaschinen von Boehringer gingen in alle Welt. Die Monteure, vor allem die jüngeren, waren oft Monate lang, ja teilweise Jahre lang bei ein und derselben Firma im Ausland auf Montage im Einsatz. War die eine Maschine aufgestellt und in Betrieb genommen, traf schon die nächste und übernächste dieser begehrten Maschinen ein. So kam es dann wie es kommen musste. Diese jungen Monteure kehrten mit ihrer Frau fürs Leben zurück. Ich kenne viele meiner Kollegen, welche so zu einer Italienerin, Portugiesin oder Spanierin als Ehefrau gelangten.

Als dann ca. 1960 der nahtlose Nylonstrumpf seinen Siegeszug antrat, war das Geschäft schlagartig vorbei. Nahtlose Strümpfe konnten nach diesem Prinzip nicht hergestellt werden. Die Geschäftsleitung der Fa. Boehringer versuchte nun mit Macht gegen diesen Modetrend anzugehen und den Strumpf mit Naht zu erhalten. Dies hatte gelegentlich auch verschiedene Auswüchse zur Folge.

So hing eines Tages ein Anschlag am „Schwarzen Brett“, auf welchem die geschätzten Mitarbeiterinnen aufgefordert wurden, im Büro unbedingt und ausschließlich nur Nylonstrümpfe mit Naht zu tragen. Man stelle sich vor, in welchem Dilemma die jungen, modebewussten Damen nun steckten. Viele dieser Frauen haben sich mehr oder weniger lautstark zur Wehr gesetzt, aber die Geschäftsleitung blieb hart.

Ich war damals im Technischen Büro als Praktikant tätig und hatte so Kontakt zu vielen dieser jungen Mädchen, egal ob als Auszubildende oder als Schreibfräulein tätig. Diese haben sich durchweg entrüstet ob dieser Gängelung geäußert, hatten aber nicht den Mut, gegen die Geschäftsleitung zu opponieren. Dies hat dazu geführt, dass sie frühmorgens mit nahtlosen Strümpfen ins Geschäft gekommen sind und diese dann während und nur während der Bürostunden gegen Strümpfe mit Naht getauscht haben.

Auch hat mir Herr Werner Boehringer, der letzte aus der Familie Boehringer stammende Geschäftsführer, einmal erzählt, dass noch 1962, als der nahtlose Nylon-Strumpf schon allgemein eingeführt war, seine damalige Braut und spätere Ehefrau bei Besuchen bei seinen Eltern angehalten wurde, gefälligst Nylonstrümpfe mit Naht zu tragen. Für solche Besuche musste sie immer vom Kreis Schwäbisch Gmünd, wo ihre Familie lebte, herfahren. Ihre Erzählungen, wie sie kurz vor der Ankunft in Göppingen auf dem Parkplatz beim Friedhof unter großen Verrenkungen die Nahtstrümpfe anzog, erregte noch Jahre danach große Heiterkeit bei den Zuhörern.

Heinz Böhringer, Eislingen